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Korpusanalyse von Texten: Inkorrekte Intertextualität

Für den textanalytischen Forschungskontext wird der Terminus der ‚inkorrekten Intertextualität’ (Kohl, 2011d) als wertungsneutrale Alternative zur Begrifflichkeit des ‚Plagiats’ verwendet.

Intertextualität wird nach Pfister (1994, S. 215) als „bewusste, markierte und intendierte Bezüge zwischen einen Text und vorliegenden Texten“ beschreiben und beinhaltet als Forschungsgegenstand die Untersuchung textübergreifender Bezüge (Verweise, Zitate, Belege, Fußnoten). Als nicht erfolgreiche „effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text“ (Genette, 1993, S. 9) umfasst nach Gérard Genette (ebd.) Intertextualität auch das Phänomen der Plagiate und nicht deklarierter Übernahmen. Jakobs (1993) kennzeichnet das Plagiat als verdeckte Intertextualität und hebt dies im Kontext der Nutzung elektronischer Medien hervor (Jakobs, 1993 & 1997), wodurch ein verändertes Lektüreverhalten mit Überlagerungseffekten, verschiedene Rezeptionsprobleme, doppelte Dekontextualisierungen sowie Copy&Paste-Fehler bei der Archivierung von Textinhalten resultieren.

 

Ohne rechtliche oder moralische Konnotation umfasst eine inkorrekte Intertextualität daher explizit auch die Formen nichtintentionaler Fehler und Auslassungen, wie beispielsweise ein fehlendes Abrufdatum bei Internetadressen. Der Fokus rückt somit weg vom Plagiierenden und richtet sich auf den entstandenen Text als solchen. Durch Textanalysen werden Formen inkorrekter Intertextualität identifiziert und beispielsweise in ihrer Entwicklung in den Texten im Schul- und Studiumsverlauf betrachtet. Für die wissenschaftliche Analyse von Texten werden dabei auch Plagiatserkennungssysteme eingesetzt. Gute Systeme finden nicht nur 1:1 Textübereinstimmungen, sondern helfen auch, um beispielsweise Paraphrasen zu entdecken. Deren Stil verrät viel über Schreibgewohnheiten der Autor/innen und deren epistemologische Sichtweisen sowie die eigene Verortung als ‚Experten’ im Wissensfeld.

 

Die Herstellung intertextueller Bezüge gehört als Beleg- und Diskurspraktik zu den Grundanforderungen wissenschaftlicher Texte. In den studentischen Arbeiten lässt sich ein weites Spektrum intertextueller Prozeduren finden, von wörtlichen Zitaten über sinngemäße Zitate hin zu Verweisen und Fußnoten (Kruse & Jakobs 1999, 24), dabei existieren typische Muster von Zitierweisen in Texten von Studierenden unterschiedlicher Studiumsdauer, z.B. implizite Verfahren zur Integration von Zitaten in Texte (Steinhoff, 2007, S. 342). National wie international existieren noch wenige entwicklungsorientierte wissenschaftslinguistische Studien, die Intertextualität in Arbeiten Studierender untersuchen; für den deutschsprachigen Raum sind die Arbeiten von Steinhoff (2007) und Pohl (2007) zentral.